Letztes Wochenende ist etwas geschehen, das ich nie für möglich gehalten hätte. Ich habe die letzten Worte meines ersten eigenen Romans zu Papier gebracht. Es sind über 570 Seiten geworden; nach Bearbeitung könnten sogar noch ein paar hinzu kommen. Niemals im Leben hätte ich gedacht, dass ich das einmal vollbringen würde.
Sicher, ich habe schon immer gern geschrieben. Aber einen ganzen Roman zusammenzuschreiben, das habe ich mir dann doch nicht zugetraut. Das komplexe Geflecht aus Handlungsströmungen und Figuren, die verschiedenen Schauplätze und Hintergründe. Den Anspruch, runde Charaktere zu erschaffen, denen man die Handlungen abnimmt und mit denen man mitfiebert… das ist ganz schon schwierig!
Ein historischer Roman mit einem wahren Hintergrund
Doch dann, bei unserem Umzug von Spanien nach Deutschland saß ich im Zug in Richtung Ruhrgebiet und laß zufällig einen populärhistorischen Artikel über eine wahre Geschichte, die sich in Bayern im 15. Jahrhundert zugetragen hat. Ich war sofort fasziniert, denn ich liebe das Mittelalter (zugegeben, die Epoche ist schon das ausgehende Mittelalter, aber trotzdem). Die Geschichte hatte alles, was man so für einen tollen Schmöker braucht: Liebe und Leidenschaft, Tod und Tragik, List und Heimtücke. Von dem Moment an war ich gepackt.
Und nun, etwas mehr als ein Jahr später, stehe ich da und habe ein echtes Manuskript in den Händen. Ob es jemals verlegt wird? Wer weiß das schon, bevor er mit dem Schreiben anfängt! Aber ich bin allein schon der Fertigstellung wegen furchtbar stolz auf mich.
Während des mehrmonatigen Schreibens habe ich dabei so einiges gelernt. Denn Schreiben ist ein Prozess. Und Romanschreiben ist noch einmal eine ganz eigene Tüte. Hier sind also ein paar Dinge, die ich „auf meiner Reise“ gelernt habe:
Was ich beim Romanschreiben gelernt habe
Die Charaktere haben plötzlich ein Eigenleben
Meine Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten und echten Personen. Deshalb gibt es Aufzeichnungen. Du kannst dir aber sicherlich vorstellen, dass das Material trotzdem äußerst dürftig ist und niemals mit der Intention aufgezeichnet wurde, damit man 500 Jahre später einen Roman daraus strickt. Abgesehen davon, war vieles auch damals schon Propaganda.
Das lässt einen beim Inspizieren von Quellen doch recht vorsichtig werden. Aber das Gute in diesem Fall war, dass es ein Gerüst war, an dem ich mich entlanghangeln konnte. Und was soll ich sagen? Nachdem ich erst einmal die Fakten ausgebreitet vor mir auf dem Tisch liegen hatte, begannen Motivationen und Wünsche meiner Charaktere Form anzunehmen.
Es entwickelten sich Dialoge, die so kraftvoll sind, dass ich nicht anders sagen kann als: Die Figuren haben ein eigenes Leben entwickelt und haben ganz ohne mein Zutun miteinander begonnen zu interagieren.
Orte, so als hätte ich Netflix geschaut
Wenn man ein Buch schreibt, das auf wahren Begebenheiten beruht, dann möchte man natürlich auch schauen, dass die Schauplätze einigermaßen gut getroffen sind. Das stellte mich vor ein Riesenproblem, denn ich kenne Bayern so gut wie überhaupt nicht. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich noch niemals in München war, selbst zum Oktoberfest nicht (was mich von vielen Australiern unterscheidet, haha). Ganz zu schweigen von den Burgen und Schlössern, Flüssen, Dörfern, Städten, und Kirchen, die in der Geschichte vorkommen.
Also musste ich mit der Recherche beginnen und die Schauplätze über Google Maps und mit Hilfe von Büchern und Fotografien versuchen zu rekonstruieren. Dabei ist mir schnell aufgegangen, dass sich viele Orte zum Teil drastisch verändert haben in den letzten 500 Jahren. Nicht nur wegen der beiden Weltkriege, sondern auch, weil sich der Zeitgeschmack gerade in Bayern geändert hat und vieles Gotische ins Barocke umgewandelt wurde.
Das ist zwar bedauerlich, andererseits gab es mir auch viel künstlerische Freiheit, die Orte so zu gestalten und ihnen eine Atmosphäre zu geben, wie es meiner Geschichte angemessen war. Das ist so weit gegangen, dass diese Orte jetzt für mich völlig real sind, fast so als hätte ich zu viel Netflix geschaut. Trotzdem werde ich versuchen, bald in den Süden zu fahren, um ein besseres Verständnis für die Orte zu bekommen, die in der Geschichte vorkommen (siehe Titelbild).
Manches schreibt sich wie von selbst
Eine sehr große Überraschung war für mich während dieses Prozesses, dass sich manche Szenen ganz wie von allein entwickelt haben.
Sicher, man weiß ungefähr, wo man mit der Geschichte hin will, aber dann fangen die Figuren plötzlich an miteinander zu reden (siehe Punkt 1), und plötzlich sind da Untertöne und Konflikte, von denen man selbst gar nichts geahnt hat. Ganze Szenen sind so entstanden.
Ich kann mit Stolz behaupten, dass es in dieser ganzen Geschichte nicht eine Szene gibt, die nicht wichtig für das Ganze ist. Wie Puzzlestücke fügen sie sich zusammen, um einen großen Konfliktknoten aufzubauen, der letztlich auf den letzten Seiten zerschlagen wird.
Das Erstaunliche dabei ist, dass ich manchmal selbst nicht wusste, warum ich manches zu Papier brachte, aber im Nachhinein hat es dann doch alles einen Sinn ergeben. Wie Zauberei.
Ich bin verliebt
Als ich mit der Geschichte anfing, kannte ich meine Figuren noch nicht besonders gut. Vor allem die Hauptfiguren. Ja sicher, ich kannte ihr Schicksal, es steht so in den Chroniken, aber ich wusste nicht, wie sie aussahen, wie sie sich bewegten, was sie taten und was sie dachten. Ich wusste nicht, ob eine Figur lustig sein würde oder eine Doppelmoral haben würde. Wie mutig sie Feinden entgegenstehen würden oder ob sie sich vor Angst in einer Ecke kauern würden.
Das alles entwickelte sich erst mit der Zeit. Und ganz nebenher habe ich mich dabei in diese Figuren verliebt. Nicht nur die Hauptfiguren, auch die Nebenfiguren. Sie spielen eine wichtige Rolle darin, die Hauptfiguren zu tragen und die Geschichte voranzutreiben, aber auch sie sind mir ans Herz gewachsen, und gern hätte ich sie alle einmal persönlich kennengelernt.
Sie sind mir momentan noch so real, als lebten sie in der Wohnung nebenan.
Man braucht einen Plan
Meine halbherzigen Versuche vor 20 Jahren einen Roman zu schreiben, scheiterten immer kläglich nach den ersten Seiten. Warum? Weil ich keinen echten Plan hatte. Ich hatte keinen Spannungsbogen, keinen Konflikt, keine Motivationen und keine Ziele. Da hatte ich mich dann immer schon nach den ersten fünf Seiten so verfranst, dass nichts mehr einen Sinn ergab.
Diesmal war es anders. Ich habe erst einmal begonnen, mir den Konflikt zurechtzulegen. Ich habe über zehn Seiten die Handlung aufgeschrieben und Konfliktpunkte gesetzt (nicht, dass ich am Ende komplett dabei geblieben wäre, aber es hat geholfen). Ich habe Charaktere erschaffen, historisch basierte und frei erfundene, und den historischen Hintergrund und das Zeitgeschehen erarbeitet. Schauplätze recherchiert.
Erst dann habe ich angefangen zu schreiben. Ja, man ist ungemein kreativ und macht Abweichungen und erfindet Dinge unterwegs. Aber ohne einen Plan verliert man sich selbst während des so zeitintensiven Prozesses.
Die Leute wollen Geschichten
Geschichten sind powerful (mir fällt da grad kein passendes deutsches Wort zu ein, sorry). Wir Menschen lechzen nach Geschichten. Nicht umsonst sind wir umgeben davon: die Bibel, Fabeln, Werbeclips, Fernsehserien, Songs… vieles davon sind kurze oder kleine Geschichten.
Wir wollen unterhalten werden und wir wollen unsere eigenen Lehren aus dem Erlebten ziehen. Deshalb glaube ich, dass auch im Jahr 2019 (oder besser 2020) Geschichten nicht tot sind, selbst dann nicht, wenn sie in Romanform erscheinen. Ich für meinen Teil lese zwar weniger als früher, aber immer noch genauso gern, wenn mich eine Geschichte fesselt. Und ich glaube fest daran, dass meine Geschichte es verdient, gelesen zu werden, allein schon, weil es die Hauptperson verdienen würde, dass man sich an sie und an ihr Schicksal erinnert.
Aber wenn keiner mehr heutzutage lesen will, vielleicht hätte ich ja eine Chance bei Netflix??
Gib niemals auf!
Wie ich schon gesagt habe, habe ich bereits mehrfach das Romanschreiben in Angriff genommen, aber immer wieder früh abgebrochen, weil ich keine echte Geschichte und keinen echten Plan hatte. Das änderte sich dann aber mit dieser Geschichte, zumindest dachte ich das. Doch dann, nach 20 Seiten kam die erste schwierige Stelle, und ich legte das alles frustriert beiseite und widmete mich wieder mehr dem Bloggen. Innerlich hat es mich aber doch sehr gewurmt und es fühlte sich schon sehr wie ein Versagen an.
Als ich auf einer Veranstaltung einem Fremden davon erzählte (einem visionären und überaus positiven Briten, der irgendwo in Osteuropa ein Hostel eröffnet hat, weil er gern die örtliche Jugend in Kontakt mit internationalen Reisenden bringen will), hat er mich gefragt, was mich denn davon abhielte weiterzuschreiben. Ich antwortete: Die nächste Seite. Er sagte: Dann schreibe die übernächste Seite und komm später auf diese schwierige Seite zurück.
Ich war ganz perplex, denn irgendwie war mir dieser Gedanke überhaupt nicht gekommen. Letztlich dauerte es dann noch ein paar weitere Monate, bis ich mich wieder drangetraut habe. Ich habe einfach weitergeschrieben und war erstaunt, dass mir die Zeilen trotzdem aus der Feder flossen (sozusagen), und dann war ich über diese schwierige Stelle hinaus, und der Rest ist – im wahrsten Sinne des Wortes – Geschichte.
Das Glück ist, was du machst
Seit ich mich daran gemacht habe, diesen Roman zu schreiben, weiß ich wieder, was echtes Glück ist. Nein wirklich, ich weiß, es klingt ziemlich kitschig. Aber zu schreiben hat mich schon immer emotional und kreativ tief befriedigt. Doch beim Bloggen ist das Problem, dass das Schreiben sehr kurzlebig ist (man fesselt den Leser für ganze drei Minuten, hey!), und dass das Feedback oftmals negativ ist (zu wenig Leserzahlen, negative Kommentare, keine Beachtung bei Social Media, Ablehnungen durch Werbekunden usw). Und oftmals schreibt man nicht über das, über das man eigentlich schreiben möchte, denn das Internet will das nicht lesen.
Wer bloggt, braucht also ein ziemlich dickes Fell. Nun gut, ich komme irgendwie damit zurecht, aber wirklich glücklich macht es mich meist nicht.
Als ich anfing, diesen Roman zu schreiben, habe ich mich daher aus allem zurückgezogen. Kein Bloggen, kein Social Media. Ich habe erst ab Seite 400 meinen Freunden überhaupt erzählt, dass ich einen Roman schreibe, aus Angst, dass man mich auslacht oder dass ich dann doch das Handtuch werfe. Ich habe mich in einen virtuellen Raum zurückgezogen, wo man mir nichts anhaben konnte, denn ich war ganz allein da drin. Es war herrlich!
Abgesehen davon, hat das Schreiben einen Teil in meinem Gehirn reaktiviert, der seit meinen Teenagerzeiten eingeschlafen sein muss. Ich empfinde auf einmal Gefühle wieder intensiver. Musik dringt in meine Hirnwindungen, die zuvor an der Schädeldecke abgeprallt ist. Ich lache wieder häufiger, schlafe tiefer. Ich liebe wieder mehr, auch intensiver, und vor allem liebe ich mich jetzt wieder mehr.
Das Leben ist echt kurz
Ein Katalyst dafür, dass ich im Sommer wieder angefangen habe, an der Geschichte weiterzuschreiben, war sicherlich die traurige Nachricht, dass eine meiner Freundinnen in Australien überraschend verstorben ist. Durch die Distanz habe ich erst sehr spät davon erfahren, und, wie sollte es anders sein, über Facebook.
Das hat mich wieder zu einem alten Thema zurückfinden lassen, nämlich, dass das Leben verdammt kurz und unvorhersehbar sein kann. Meine eigene Mutter ist mit 60 gestorben; sollte ich ihr folgen, hätte ich bereits 2/3 meiner Lebenszeit hinter mir. Ich möchte mich aber nicht verabschieden ohne zuvor meine Träume verwirklicht zu haben.
Deshalb also jetzt dieses Buch, das ich irgendwie auf den Markt werfen werde, koste es, was es wolle! Ich habe zu lange gezögert, denke ich manchmal, doch ich muss auch ehrlich mit mir sein: ich hatte davor nicht viel Zeit. Es gab andere wichtige Dinge im Leben wie Uniabschluss, Karriere, Kinder, usw. Doch jetzt sehe ich mich in der glücklichen Position, dass ich mich und meine Bedürfnisse endlich voranstellen kann.
Ich danke vor allem meinem Göttergatten dafür.
Jeder kann es
Wenn ich es kann, kannst du es auch. Du musst ja nicht gleich einen ganzen Roman schreiben. Du müsst überhaupt nichts schreiben. Doch du kannst andere Dinge machen. Du kannst etwas Neues lernen, einen neuen Ort besuchen, mit dem Rauchen aufhören, dich irgendwo einbringen, endlich dieses Bild da drüben an die Wand hängen, über dich hinausgehen.
Ich hätte niemals, niemals, niemals gedacht, dass ich dieses Ding fertigschreiben würde, aber jetzt weiß ich, dass ich noch zu so viel mehr in der Lage sein werde. Deshalb zögere nicht und fang sofort an, denn das Leben kann manchmal erschreckend kurz sein (siehe Punkt 9).
So, das waren recht untypisch emotionale Worte auf diesem Blog, aber ich musste das einfach mal loswerden. Dafür ist das Bloggen ja eigentlich mal erfunden worden. Vielleicht kannst du ja auch was für dich draus ziehen?
Ich hoffe jetzt, dass sich für mein Buch ein Verlag finden lässt. Es hat natürlich keinen Anspruch, historisch akkurat zu sein. Es ist immer noch eine Geschichte, die unterhalten soll. Ich bin mir dessen bewusst, dass Leute früher anders gedacht und geredet haben, usw. Aber das möchte heutzutage keiner mit an denen Strand nehmen oder noch kurz vor dem Schlafengehen lesen. Man möchte doch mitfiebern können!
Wie sich alles dazu entwickelt, werde ich über Social Media und auf dem Blog teilen. Dann verrate ich auch, worum es in der Geschichte eigentlich geht.
Bild von auf

2 Kommentare
Wie cool, du hast einen Roman geschrieben! Glückwunsch! Ein fertiges Manuskript ist echt etwas, worauf du stolz sein kannst. Jetzt wünsche ich dir viel Erfolg und Glück bei der Suche nach einem Verlag!
Liebe Grüße
Angela
Vielen Dank! Ich bin immer noch völlig hin und weg… wie ein Rausch 🙂 Freue mich über jeden, der mithilft Däumchen zu drücken… LG, Silke