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Wir erkunden das Apollon-Heiligtum in Didyma

Zuerst Menschlichkeit, dann die Politik: Wir besuchen den Apollon-Tempel im türkischen Didyma

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Als wir der Familie erklärten, dass unsere Kreuzfahrt durchs östliche Mittelmeer auch in der Türkei anlegen würde, ging bei einigen die Alarmglocken an.

Also Griechenland, das lag ja schon an der Grenze zu all den Problem, die momentan an Europas Türschwelle lauern. Aber die Türkei, das war ja praktisch schon direkt neben den Krisenherden: Syrien, Irak, Iran. Auch wenn wir nur zwei Tage in der Türkei verbringen würden und auf dem Schiff schlafen würden, und das quasi ganz am anderen Ende des Landes, so ganz gefiel es unseren Lieben daheim nicht. Ganz egal, was wir auch sagten um ihnen zu versichern, dass wir uns nicht absichtlich in eine gefährliche Situation begeben würden, ein mulmiges Gefühl blieb.

Ja, die Türkei ist natürlich ein moslemisches Land. Aber immer noch ein moderates. Man kann ja nicht alle Moslimen immer gleich über einen Kamm scheren. Auch wenn man bedenkt, dass es in Istanbul häufiger mal kriselt, sogar an Flughäfen um sich geschossen wird – hatten wir nicht die gleiche Situation bereits viel näher Zuhause in Brüssel? Entfernungen zählen heutzutage überhaupt nicht mehr. Man kann dem Terrorismus daheim genauso zum Opfer fallen wie im Ausland. Und davon mal abgesehen, ist es eigentlich sowieso total unwahrscheinlich.

Und so sehen wir das: Wenn wir aufhören zu reisen und uns für andere Kulturen zu interessieren, dann werden wir niemals die große Barriere überwinden, die bereits begonnen hat, die menschliche Rasse in zwei Lager aufzutrennen: ‚wir‘ und ‚die da‘.

Man muss halt abwägen und mit einem gesunden Menschenverstand an die Sache rangehen. Die Türkei jedenfalls, mit ihrem seit Jahrzehnten boomenden Massentourismus befindet sich für uns noch nicht auf unserer Liste der gefährlichen Reiseziele.

Massive Steinstufen führen zum Tempel hoch

Abseits der Touristenströme in der Türkei

Und so versicherten wir also alle Zweifler um uns herum, dass wir uns auch garantiert melden würden, sobald wir wieder sicher auf dem Schiff waren. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnten: Nur eine Woche später bezichtigte Präsident Erdogan diverse Menschen in seinem Umfeld des Putschversuchs, was mit einem Exodus der Intellektuellenriege und in Massenverhaftungen resultierte. Nicht die Art von Demokratie, die wir uns von der Türkei gewünscht hätten.

Unser erster Kreuzfahrthafen in der Türkei war Kusadasi. Ich kannte den Ort bereits, denn ich hatte zweimal als schlaksiger Teenager hier Urlaub gemacht, kurz bevor die Sache mit dem Massentourismus erst richtig losging. Ich hatte nicht gerade besonders warme Erinnerungen an den Ort. Aber gleichzeitig ist das Umland von Kusadasi reich an antiken Ruinenstätten des antiken Griechenland.

Deshalb verabschiedeten wir uns auch sogleich von Kusadasi sobald unser Kreuzfahrtschiff angelandet war und machten uns auf, die Kulturstätten der Umgebung zu erkunden. Ganz ehrlich gesagt, die Türkei ist super, wenn es darum geht, antike Ausgrabungsstätten anzuschauen. Wie ihr ja sicherlich wisst, hatten die alten Griechen die Küstenregionen der Türkei lange Zeit besiedelt und kolonisiert, und so finden sich hier viele sehr gut erhaltene Stätten. Viele von ihnen relativ unbekannt und kaum erschlossen. Wer den Menschenmassen in Griechenland entkommen will, der sollte sich einmal das Angebot in der Türkei näher ansehen.

Wir besuchen das kleine Dorf Didim, das in der Antike als Didyma bekannt war. Hier findet sich ein unglaublich reiches griechisches Erbe, das kaum bekannt ist. Mitten in dem urigen türkischen Dorf befindet sich ein riesiges Apollo-Heiligtum. Man entrichtet eine kleine Gebühr und dann hat man den Ort praktisch für sich ganz allein. Ganz anders als in Griechenland kommt man dabei den Dingen richtig nah, ohne dass dich da gleich jemand mit einer Trillerpfeife zurückruft.

Meisterhafte Steinarbeiten

Das unbekannte Apollon-Heiligtum

Das Schönste am Apollon-Heiligtum in Didyma war zweifellos, dass außer unserer kleinen Tourgruppe fast niemand sonst anwesend war. Welch eine Freude, nachdem wir an den ersten Kreuzfahrttagen ja mit Massen von Touristen kämpfen mussten – besonders die Akropolis aber auch Santorin sind aus diesem Grund besonders in der Hauptreisesaison kaum zu empfehlen. Endlich hatten wir mal die Möglichkeit, uns auch ein wenig von der Gruppe abzusondern und das Gelände ein wenig auf eigene Faust und im eigenen Tempo zu erkunden.

Besonders die Größe des Apollo-Tempels war absolut atemberaubend. Die Säulen erschienen schwindelerregend hoch. Und selbst jene, die nur noch als Säulenbasis vorhanden waren, ließen erahnen, welch monomentale Größe dieses Bauwerk einmal besessen haben muss. Durch diesen Säulenwald zu wandeln war absolut einzigartig. Einschüchternd. Atemberaubend.

Es wird allgemein angenommen, dass 124 Säulen das Dach dieses Tempels einmal getragen haben müssen. Nicht alle davon kann man heute noch auffinden, und die meisten liegen als Puzzelteile um die massiven Stufen des Tempels verteilt. Ein Ort, der an jeder Ecke, mit jeder Drehung eine Ahnung von Ewigkeit vermittelt.

Damit ihr einmal eine Vorstellung davon bekommt, von welchen Dimensionen wir hier reden. Vor einigen Hundert Jahren stand sogar in der Mitte des Tempels einmal eine Windmühle. Das ist schon ganz schön groß.

Laienhafte Schnitzereien in den Stein

Das wichtigste Orakel des Altertums nach Delphi

Es gibt viel zu entdecken am Apollon-Heiligtum. Besonders die Steinarbeiten sind bemerkenswert. Viele Bruchstücke und Fragmente liegen gleich zu Beginn des Geländes aus. Sie sind gut erhalten und voller Detailreichtum. Besonders schön ist der Kopf der Medusa, aber auch der lebensgroße Löwenkörper ist beachtlich. Und auch die vielen Säulen zieren wunderschöne Steinfriese, die mit meisterlicher Präzision in den Stein gehauen worden sind.

Frühere Besucher haben ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Überall finden sich flüchtig in den Stein gehauene Zeichen und Schriftzüge. Auf dem Fußboden und an den Wänden. Zu einem Zeitpunkt hatten die Ottomanen im inneren Heiligtum des Tempels, dem Adyton, einmal ein Gefängnis eingerichtet. Dieser Innenraum ist ungefähr so groß wie in kleines Fußballfeld. Einer der Insassen hinterließ damals in den Steinwänden eine Nachricht, die auch heute immer noch lesbar ist. Sie soll heißen “So hilft mir Gott”.

Im Adyton war immer noch ganz gut zu erkennen, wo sich einmal die Quelle befunden hat, auf der sich das Heiligtum gegründet hat. Die Quelle spielte eine wichtige Rolle in den Orakelhandlungen. So war der Apollo-Tempel in Didyma eine ganze Zeitlang das zweitwichtigste Orakel nach dem berühmten Delphi. Um vom benachbarten Ort Miletus hierhin zu gelangen, pilgerten die Menschen den 17km langen Heiligen Weg, der auch heute noch gut sichtbar am Eingang des Dorfes endet.

Nach Besuch der Tempelruine waren wir auf jeden Fall angemessen beeindruckt. Und unser Erkundungsgeist war so sehr angeregt worden, dass wir hungrig geworden waren.

Fein modellierte Säulenbasis

Die türkische Gastfreundschaft bleibt unübertroffen

Auf der Suche nach etwas Essbarem entwischten wir für einige kurze Momente der Gruppe und wandten uns Richtung Dorfkern. Wir hofften, trotz der backenen Mittagshitze einen kleinen Supermarkt oder ähnliches anzutreffen. So kamen wir an einem kleinen Platz an, wo drei Einheimische, eine Frau und zwei Männer im Schatten eines Baumes saßen und aßen. Es gab dort einen farbenfrohen Teppichhändler, aber die benachbarte Bäckerei war leider geschlossen.

Mit knurrendem Magen drehten wir uns um und machten uns auf den Rückweg, doch dann hörten wir hinter uns eine Stimme auf Französisch rufen “fermée” – „geschlossen“. Ja, das hatten wir ja auch bereits erkannt, deshalb drehten wir uns nur kurz um, lächelten freundlich, nickten und wendeten uns wieder der Reisegruppe zu.

Aber die freundliche Stimme rief weiter hinter uns her und fragte uns, was wir denn benötigten. Wir warfen einen genaueren Blick auf die kleine Gruppe, die um einen Tisch herum versammelt saß. Man zeigte auf die leeren Stühle und lud uns ein, uns dazuzusetzen und das Mahl mit ihnen zu teilen. Auf dem Tisch lagen Brot und ein Hartkäse, Gläser mit Tee. Wir kamen näher, aber wir waren vorsichtig. Schließlich waren das ja Fremde. Doch schon bald merkten wir, dass die Gastfreundschaft aufrichtig gemeint war.

Unser Französisch war nun wirklich nicht das beste, aber wir konnten mitteilen, dass wir hungrig waren, aber nun zurück zum Bus mussten. Ohne mit der Wimper zu zucken riss uns da einer der Männer ein Stück von seinem Brot ab, die Frau brach ein Stück Käse ab. Unsere Verpflegung war somit gerettet. Wir bedankten uns von ganzem Herzen, denn so viel Freundlichkeit von Fremden waren wir nicht gewohnt.

Enorme Größen

Die Politik sollte unserer Menschlichkeit nicht im Weg stehen

Und jetzt kommt’s. Dieses Stück Bauernkäse war der beste Käse, den wir jemals in unserem Leben gekostet haben. Nicht, weil er unseren Hunger stillte, sondern weil es ein handgearbeiter, authentischer Käse war, der irgendwo in der Umgebung produziert worden war. Ein Supermarktkäse, der in Plastik eingeschweißt unter Neonlicht dahinvegetiert, schneidet im Vergleich dazu unserer Meinung nach katastrophal ab. Und unsere fortschrittliche Zivilisation soll die bessere sein im internationalen Vergleich? Wohl kaum.

Diese Dorfbewohner in Didim haben uns an diesem Tag auf jeden Fall ganz schön einen Spiegel vorgehalten. Vergesst die Weltpolitik. Denn hinter der Fassade, trotz all der Unterschiede, sind wir doch alle im Grunde genommen nur Menschen. Uns einen mehr Ähnlichkeiten als uns Unterschiede trennen. Wir müssen nur lernen, wieder freundlicher zueinander zu sein. Nicht so viel Angst zu haben vor den Unterschieden. Diese Unterschiede zu akzeptieren und zu begrüßen für das, was sie sind. Denn das ist es, was um menschlich macht und uns von der Welt der Tiere absetzt.

Ja, wir geben es gern zu. Die Welt ist momentan ein Ort voller Terror. Aber wenn wir uns vor ihr verschließen und nicht mehr mit anderen Menschen reden, dann wird diese Welt auch kein besserer Ort werden. Wir werden uns nur noch mehr aufsplittern und tiefe Keile treiben. Wir werden aufhören, voneinander zu lernen. Unsere Weisheiten werden sich im Schweigen verlieren. Das Ergebnis wird ein Rückschritt sein in unserer menschlichen Entwicklung, ein Riesenverlust für die Menschlichkeit. Daher lasst es euch gesagt sein: Hört nicht auf zu reisen!

Übrigens kann man solch einen Ausflug auch perfekt planen, selbst wenn man Kinder hat. Bei Kreuzfahrten können die Kinder bei Landgängen auch an Bord bleiben – so können die Eltern selbst anstrengende Ausflüge rund ums Mittelmeer ohne Extra-Kummer überstehen. Das ist nur ein Grund, warum wir Kreuzfahrten für Familien lieben. Mehr dazu erfahrt ihr hier: Warum Kreuzfahrten perfekt sind für Familien – unsere Erfahrungen.

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Wir laufen durch den SäulenwaldViele Überreste liegen rund um den Tempel verteiltFragmente einer ionischen Säule Ein gut erhaltener Gang ins Innere des TempelsVerzweifelte Inschrift eines GefangenenDas Innere des Tempels, das AdytonFein gemeisselte Greife auf einem SteinInschriftDas Adyton mit der OrakelquelleFaszinierender DetailreichtumIm Apollo-Tempel von DidymaAnsicht des Apollon-HeiligtumsMedusakopfDetailreichtumDas Feld mit den zertrümmerten SäulenStufen, die zum Tempel hinaufführen

AUTHOR - miniglobetrotter

Hallo! Wir sind die Mini Globetrotter - eine 4-köpfige Familie, die es sich in Andalusien bequem gemacht hat. Wir glauben ganz fest daran, dass Reisen mit Kindern nicht nur machbar, sondern wichtig ist. Von unserer Basis in Málaga aus erkunden wir die Welt – von Australien über den Südpazifik bis nach Europa. Lasst euch inspirieren und plant euren nächsten Familienurlaub mit uns!

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