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Pompejis Fluch und Segen

Pompeji: Fluch und Segen der verlorenen Stadt

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Was mich ganz besonders am Besuch von antiken Stätten reizt, ist der Versuch sich vorzustellen, wie die Menschen einmal an diesem Ort gelebt haben mögen. Das fällt einem nicht immer leicht. Oftmals findet man an diesen Orten nicht viele Überreste der Vergangenheit, und man benötigt schon eine ganze Menge Fantasie, sich die damaligen Lebensumstände einigermaßen authentisch vorzustellen.

Je größer die Lücken, desto weniger präzise das Bild, das wir uns von den damaligen Verhältnissen machen können. Und umso größer die Gefahr, dass zu viel Fantasie mit ins Spiel kommt.

Aber im Falle von Pompeji ist dies anders. Aufgrund der einzigartigen Umstände, die dazu führten, dass diese römische Stadt im Jahr 79 n Chr. unterging, bescherten uns glücklicherweise eine wunderbar erhaltene Stätte. Eine Schatztruhe an spannenden Erkenntnissen aus der Zeit der klassischen Antike.

Was man sich heute schwer vorstellen kann: die Stadt Pompeji war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Knapp 1.500 Jahre lang hatten die Wissenschaftler und auch die im Umland ansässigen Bewohner keine Ahnung, dass sich an dieser Stelle eine ganze römische Stadt befindet.

Ein toller Vorteil für Archäologen heute, die sich mit der Materie befassen können. Jedoch muss dabei auch gesagt werden, dass mit dem kulturellen Erbe nicht besonders gut umgegangen wird, und dass Pompejis Entdeckung leider gleichzeitig nicht nur ein Segen sondern auch ein Fluch ist.

Im Hintergrund der Vesuv

Eine Stadt, in der die Zeit still steht

Ich übertreibe sicherlich nicht, wenn ich behaupte, dass Pompeji eine herrlich gut erhaltene Ausgrabungsstätte ist. Wenn man so als Besucher durch die Stadt wandert, fällt es einem wirklich nicht schwer, sich das Leben der alten Römer in diesen Gassen auszumalen.

Überall findet man überraschend menschliche und verblüffende Hinweise auf das alltägliche Leben in Pompeji. Zum Beispiel entdeckten wir an den nackten Wänden Wahlkampfkampagnen für die Kandidaten einer bevorstehenden Wahl. Geschäftsinhaber schrieben ihren Namen auf die Türschwellen ihrer Geschäfte. Marketingslogans, damals wie heute, priesen die neuesten Produkte an.

Um ganz ehrlich zu sein, von allen Orten, die wir auf unserer Mittelmeerkreuzfahrt zu sehen bekommen würden, war ausgerechnet Pompeji der Ort, den wir am liebsten vermieden hätten. Wir hatten nämlich mit voller Absicht die einzige Rundfahrt vom Hafen in Neapel aus gebucht, die eben nicht auch Pompeji mit einschloss. Zum einen hatten wir keine Lust auf weitere Ruinen, zum anderen wollten wir lieber etwas anders sehen als all die anderen Besucher dieser Region.

Unsere Vorstellung von Pompeji war folgende: Eine große Touristenfalle, verdorben vom Trampeln Tausender ignoranter Touristenfüße. Dazu mangelhaft geschützte, bröckelnde Ruinen, die sich wahrscheinlich nicht von all den anderen Ruinen rund um das Mittelmeer unterscheiden würden.

Doch wie wir uns da verschätzt haben! Pompeji ist ganz wider Erwarten doch ein Ort, den man gesehen haben sollte. Zugegeben, nur ein Teil der Stadt ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Doch das ist auch gut so.

Das, was bleibt, und was man dann als Besucher sehen kann, reicht völlig aus, um ein allumfassendes Bild von der Besonderheit Pompejis zu erhalten.

Pompeji benötigt unserer Meinung nach jede nur erdenkliche Aufmerksamkeit von der allgemeinen Öffentlichkeit. Und es braucht jeden nur möglichen Touristen-Euro.

Als wir so die perfekt erhaltenen Straßen der Stadt entlanggingen, die von fast komplett erhaltenen hohen Häusermauern auf beiden Seiten umrahmt wurden, wurden wir an die wunderschönen Altstädte Südeuropas erinnert. Pompeji zu erleben fühlte sich zu unserem Erstaunen und zu unserer Freude völlig real und unmittelbar an.

Im Vordergrund deutlich zu erkennen die Trittsteine über die Straße

Die Geister längst vergangener Zeiten

Es waren nicht nur die berühmten Glasvitrinen voller Gipsabrücke von Erwachsenen, Kindern und Haustieren, festgehalten in den letzten Momenten ihres Todeskampfes. Es waren nicht nur ihre Ausdrücke, so lebensecht und gruselig, dass man nicht anders konnte, als Mitleid mit den Opfern des Vulkanausbruchs zu fühlen. Sie waren elendig in den giftigen Gasen erstickt und buchstäblich in der Hitze der Wolke verbrannt.

Für uns waren es vielmehr die alltäglichen Gegenstände, die den alten Gemäuern von Pompeji Leben einhauchten.

Die erhöhten Fußgängerüberwege zum Beispiel, die dafür sorgten, dass sich Fußgänger vor 2.000 Jahren nicht die Sandalen beim Überqueren der Straße nass oder schmutzig machten. Der Backofen des Bäckers, von dem wir anhand von Inschriften wissen, dass er nur wenige Straßen weiter sein Wohnhaus hatte. Die städtischen Brunnen, die auch heute noch Wasser spenden, das über unglaublich lange Strecken durch antike Aquädukte transportiert wird. Das Wasser ist auch heute immer noch trinkbar zur Freude der durstigen Besucher, die hier ihre Plastikflaschen wieder auffüllen.

Die wunderschön erhaltenen Kassettendecken in den öffentlichen Bädern, die Szenen mit gestählten Athleten und schönen Körpern zeigen. Die perfekt gefliesten Mosaikböden, die von Hauseingängen bis zu Atrien von zerstörten Privathäusern führen. Der farbenprächtige Christenaltar hinter den Ruinen einer zerstörten Villa, geschützt von den Touristenmassen, doch sichtbar, wenn man einen kleinen Trampelpfad betritt. Die sehr ausdrücklichen erotischen Darstellungen, so frivol, dass man sie selbst heute besser nur ausgewählten Zuschauern präsentiert.

All dies und noch vieles mehr machen Pompeji zum besten Mittel, um Einblicke in das Alltagsleben der Römer vor 2.000 Jahren zu erhalten.

Casa di Casca Longus

Alltag ist Alltag, damals wie heute

Unser persönlicher Schlüsselmoment war der Besuch eines Privathauses. Es war die Casa di Casca Longus.

Auf den ersten Blick ein Haus wie jedes andere. Doch was den großen Unterschied ausmacht, war das Holzdach, das Archäologen wieder auf das alte Gemäuer gesetzt hatten. Viele der Gebäude in Pompeji haben zwar vollständig erhaltenen Wände, doch die Dächer fehlen fast überall. Man hätte es kaum gedacht, aber ein Haus zu betreten, das ein Dach besitzt, machte einen profanen Unterschied zu unserem Erleben.

Als wir so dastanden im Atrium, dem zentralen Raum des Haus, und auf das flache Wasserbecken in dessen Mitte schauten, konnten wir uns auf einmal sehr genau vorstellen, wie das Leben innerhalb dieser Mauen wohl ausgesehen haben musste. Zwar konnte man die Casa nicht gerade als vollständig bezeichnen. Die besterhaltenen Teile waren wahrscheinlich die farbenprächtigen Fresken entlang der Wände. Trotzdem bot der so von allen Seiten umschlossene Raum gerade genug Einblick, dass man die Szene nicht nur einfach sehen, sondern fühlen konnte.

In den meisten Situationen sind wir nicht besonders emotionsgeladen. Aber als wir da so standen, im Atrium der Casa di Casca Longus, da schossen uns auf einmal Tränen in die Augen. Wir wollen jetzt wirklich nicht überdramatisch klingen, aber fast schien es, als seien die Geister der ehemaligen Bewohner immer noch da.

Vielleicht verrichteten sie immer noch die täglichen Dinge des Haushalts, immer mal wieder kurzzeitig unterbrochen vom leichten Beben des benachbarten Vulkans. Nichts zu Arges, nur eine dieser Besonderheiten, an die sich die Bewohner am Fuße des Vesuvs schon längst gewöhnt hatten. Vielleicht waren alle Mitglieder des Haushalts auch schwer beschäftigt. Am Tag zuvor hatte es einen Festtag gegeben – ausgerechnet dem Gott Vulkan, dem Gott des Feuers, hatte man noch am Tag zuvor gehuldigt.

Vielleicht war der Kopf der Familie gerade unterwegs und besuchte Klienten, während die Sklaven die Böden fegten, die Blumentöpfe bewässerten und das Abendessen der Familie vorbereiteten. Vielleicht hatte die Dame des Hauses gerade Gäste geladen und unterhielt diese im Garten, oder vielleicht lauschte sie heimlich dem Unterricht der Kinder. Vielleicht wurde gerade frisches Obst vom Markt geliefert oder der Hausaltar versorgt. Wir wissen es nicht.

Alles was wir wissen ist, dass Pompeji selbst nach all diesen Jahren eine Lebendigkeit verströmt, die wir nicht erwartet hätten.

Am Stadtrand von Pompeji

Pompejis Zukunft steht in den Sternen

Nur circa zwei Drittel der 11.000-Einwohner-Stadt sind bislang ausgegraben worden, und nur ein Teil davon ist Touristen überhaupt zugänglich. Pompeji ist eine von der UNESCO ausgezeichnete Stätte des Weltkulturerbes, aber es steht auf der bedrohten Liste.

Leider wird nicht genug getan, um diese Ausgrabungsstätte angemessen vor dem Verfall zu schützen. Dies liegt ganz besonders daran, dass Pompeji eine komplette Stadt ist und daher eine unglaublich große Fläche einnimmt. Besucher können ganze Tage damit verbringen, die einzelnen Sehenswürdigkeiten von Pompeji zu erkunden. Hinzu kommt aber auch jede Menge Mismanagement sowie ein absolut chaotischer Ansatz, wie die Stadt vor dem endgültigen Untergang geschützt werden kann.

Geld ist, wie es so oft im Leben ist, das größte Problem für Pompeji. Daher ist Tourismus auch so ein wichtiger Faktor darin, die Stätte auch zukünftigen Generationen zur Verfügung stellen zu können.

Es liegt auf der Hand. Pompeji ist mehr als nur eine Ausgrabungsstätte unter vielen. Diese Stadt ist etwas Besonders. Sie verschwand nicht nach und nach, sondern nach einem katastrophalen Ereignis, das das Leben genau in diesem Moment, wie es gerade war, stoppte. Als die heiße Aschewolke Pompeji erreichte, klammerten sich die Bewohner in Panik aneinander. Hier erhalten wir einzigartige Einblicke in das alltägliche Leben vor über 2.000 Jahren. Leben, das sich nur in den Details von unserem heutigen Leben unterscheidet. Die Verbindung zu unseren Ahnen könnte kaum unmittelbarer sein.

Unser Besuch von Pompeji ließ uns staunen. Am Ende waren wir dann doch froh, dass wir gewissermaßen gezwungen gewesen waren, die Stadt zu besuchen. Wir liebten das überraschende Gefühl, eine immer noch so vollständige antike Stadt zu besuchen, die ganz offensichtlich von Geistern der Vergangenheit bewohnt ist. Überwältigt zu werden von einem aus Verbundenheit geborenen Mitgefühl.

Ja, vielleicht ist Pompeji nicht viel mehr als eine weitere Touristenattraktion Italiens. Aber vergesst nicht, dass diese Stadt auf jeden Euro angewiesen ist, und dass ein Besuch Pompejis mithilft, diese einzigartige Stadt auch zukünftigen Generationen zugänglich zu machen. Wir empfehlen auf jeden Fall einen Besuch.

Wir haben Pompeji, wie gesagt, als Teil einer Kreuzfahrt besucht. Warum Kreuzfahrten übrigens unserer Meinung nach herrlich familienfreundlich sind, erfahrt ihr hier: Warum Kreuzfahrten perfekt sind für Familien – unsere Erfahrungen.

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AUTHOR - miniglobetrotter

Hallo! Wir sind die Mini Globetrotter - eine 4-köpfige Familie, die es sich in Andalusien bequem gemacht hat. Wir glauben ganz fest daran, dass Reisen mit Kindern nicht nur machbar, sondern wichtig ist. Von unserer Basis in Málaga aus erkunden wir die Welt – von Australien über den Südpazifik bis nach Europa. Lasst euch inspirieren und plant euren nächsten Familienurlaub mit uns!

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